In der Werbung regt uns das Maskottchen von Captain Morgan® an, so zu leben und zu feiern, wie er es tut. Aber wir müssen uns an dieser Stelle fragen, ob wir das überhaupt wollen. Denn die Vergangenheit des echten Captain Morgans ist längst nicht so heldenhaft, wie uns der Rum-Produzent verspricht. Was hatte er als Freibeuter mit der Sklavenarbeit am Hut – und warum schweigen alle darüber?
Ein mit Gold-bestückter, roter Mantel, ein wallendes Cape, edle Lederschuhe und ein siegessicheres Lächeln – so begegnet uns „der Captain“ auf den Flaschen-Etiketten und Werbespots. Und jeder von uns kennt seine Party-Pose: das angewinkelte Bein, das auf einem imaginären Rum-Fass steht. Der Captain muss ein sehr spannender Kerl zu sein, wenn ihn alle so sehr mögen. Und sein „Auftraggeber“ Captain Morgan® möchte natürlich, dass es so bleibt.
Die Marke beschreibt auf ihrer Website die Geschichte des „echten“ Captains, Sir Henry Morgan. Angeblich erlebte dieser viele Abenteuer mit seiner Crew und wurde schon mit 27 Jahren zum Anführer eines Schiffes. Später wurde er zum Ritter geschlagen und zum Vizegouverneur von Jamaika ernannt. Den Rest seines Lebens verbrachte er als Plantagenbesitzer in der „Partyhauptstadt aller Länder und Meere“.
So weit, so beeindruckend. Viele von uns träumen von einem solchen Lebensgeschichte. Aber wir alle streichen gerne bestimmte Dinge aus unseren Lebensläufen, um uns positiver zu geben, als wir eigentlich sind. Was verschweigt der bekannte Rum-Hersteller, wenn er uns über das Vorbild seines Maskottchens erzählt?
Sir Henry Morgan (1635 – 1688)

Kurzbiografie
- Vermutlich geboren im englischen Wales, beteiligt er sich schon früh an englischen Raubzügen gegen die Spanier in der Karibik
- Auch mit seiner eigenen Crew greift er spanische Stützpunkte an und beutet sie aus
- Als der englische König Charles II Anfang der 1770er-Jahre einen Friedensvertrag mit Spanien unterzeichnet, wird Morgan für einen großen Angriff auf eine spanische Insel verhaftet. Er muss jedoch keine Zeit im Gefängnis verbringen und wird direkt wieder begnadigt.
- 1774 erhält Morgan vom König den Titel des „Sir“ für seine Taten für die englische Krone. Er wird zum Vizegouverneur und Plantagenbesitzer auf Jamaika.
- Morgan stirbt im Alter von 63 Jahren – vermutlich an Tuberkulose oder Leberversagen durch seine Alkoholsucht.
Schon zu Lebzeiten galt Henry Morgan als einer der gefürchtetsten Piraten der Karibik. Diese Bezeichnung würde ihm aber nicht gefallen – denn genau genommen war er ein „Freibeuter“. Diese Männer verübten Angriffe auf spanische Inseln und Stützpunkte, inoffiziell im Auftrag der englischen Krone.
Alexandre Oliver Exquemelin unterschied in seinem Buch über den Captain aber nicht zwischen ihm und den barbarischen Piraten auf See. Als ehemaliger Arzt Morgans berichtete von Brandstiftungen, Vergewaltigungen und grausamen Foltermethoden. Meistens wurden die unschuldigen Bewohner der Inseln davon getroffen. Sie mussten ihr gesamtes Hab und Gut in die Hände der Crew geben.
Morgan und die Sklaven
„Having us’d these, and other Cruelties, with the white Men, they began to practice the same with the Negroes, their Slaves, who were treated with no less Inhumanity than their Masters“
– A.E. Exquemelin in The History of the Bucaniers of America (1741)
Auch mit Sklaven hatten die Piraten bzw. „Freibeuter“ zutun. Diese wurden mit dem Sklavenhandel zu Handelsobjekten – ähnlich wie Baumwolle, Tabak, Kaffeebohnen, Zucker, etc. Ihre unbezahlte Arbeit machte es den Kolonialmächten möglich, viel Reichtum anzuhäufen.
Davon profitierte auch Morgan. Laut Exquemelin entführte die Crew immer wieder Sklaven der Spanier, verschiffte sie oder ließ sie selbst für sich arbeiten. Schon auf See starben viele von ihnen, da die Bedingungen unter Deck mehr als menschenunwürdig waren.

Auch die Plantagen wurden diese zu einem traumatischen Ort für viele schwarze Sklaven. Vor allem die Arbeit auf Zuckerplantagen verlangte ihnen einiges ab. Zum einen erforderte das Abtrennen des Zuckerrohrs und das Auspressen des Zuckersaftes von dem große körperliche Anstrengung. Zum anderen wurden Versklavte von den Plantagenbesitzern zusätzlich körperlich und seelisch misshandelt:
„Nirgens sind die Neger so grausam behandelt worden wie von den Engländern auf Jamaika. Prügelstrafe stand auf jeder Kleinigkeit, Verstümmelungen und Todesstrafe wurde mit leichtem Herzen diktiert, Spiel und Musik war den Schwarzen verboten, kein Slave konnte gegen einen Weißen Zeugnis ablegen. Entsetzlich waren die Greuel, die bei der Niederwerfung der Aufstände geschahen“
– Valentin Veit in Kolonialgeschichte der Neuzeit: ein Abriss (1915).
Laut Captain Morgan® wurde das Zuckerrohr nur von „wagemutigen Einheimischen“ ausgepresst. Das Nebenprodukt Melasse, ein dunkler Zuckersirup, wurde schließlich zur Basis für den bekannten Rum. Wundern muss uns aber nicht, dass sie die wahren Hintergründe der Ernte einfach auslassen. Schließlich wollen sie verhindern, dass jemand nach den heutigen Arbeitsbedingungen fragt. Und der Captain könnte das Image des Partypiraten sicher nicht behalten. Wer würde den Rum noch kaufen, wenn der Slogan statt „Live like the Captain“ lauten würde „Lebe wie ein Sklavenbesitzer“?
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„Slaves cutting the sugar cane – Ten Views in the Island of Antigua 1823, plate IV – BL“ von William Clark, unter CC0 1.0
Das Beispiel von Captain Morgan® zeigt, wie viele Lücken heutige Erzählungen der Kolonialzeit haben. Sie werden immer noch zum Vorteil von damaligen Machthabern und weißen Männern wie Henry Morgan erzählt. Sklavenhändler werden so zu noblen Handelsmännern, Piraten zu abenteuerlichen Frauenhelden, wahre Geschichten zu falschen Legenden. Und die Erlebnisse der Opfer rücken weiter in den Hintergrund. Ihre Nachfahren müssen deshalb noch heute unter rassistischen Strukturen leiden.
Wir müssen dafür sorgen, dass die Kolonialgeschichte nicht mehr nur eine Geschichte von europäischen „Helden“ bleibt. Das erreichen wir durch gemeinsamen Austausch, Diskussionen und den ein oder anderen Museumsbesuch. Und vielleicht werden wir so, irgendwann, von einem anderen Maskottchen auf den Rum-Flaschen angelächelt.
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